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Belle Star's Diary, Kapitel 12

Abenteuerreise

Am folgenden Tag trafen wir uns früher als gewöhnlich in der Abbey von Yew. Die Dungeon-Rune beflügelte unsere Phantasie, in Gedanken wühlten wir bereits in den unermeßlichen Schätzen, die wir aus der Tiefe der feuchten Katakomben ans Licht befördern wollten. Wir zogen uns in einen leeren Raum zurück, wo Sascha das unscheinbare Stückchen Holz mit dem eingravierten Geheimzeichen zwischen uns auf den Boden legte. Zuerst sprach Corey die Zauberformel und verschwand vor unseren Augen. Nun war die Reihe an mir. Ich verbannte alle Nervosität aus meinen Gedanken, murmelte die Worte der Macht, bewegte die Hände im erlernten Schema -- und im nächsten Moment war ich blind.

Ein schauriges Geheul drang an meine Ohren, ich stolperte einen Schritt zur Seite, bis ich zu meiner Rechten rauhes Mauerwerk fühlte, über das kleine Rinnsale von Kondenswasser liefen. Wieder erscholl ein durchdringendes, hohes Heulen, und ich nahm ein fahles Leuchten wahr, wie man einen Blitz bei geschlossenen Augen sieht. Sascha, der mir inzwischen gefolgt sein mußte, rief von irgendwoher laut »In Lor«, dazu erklang ein melodisches Geräusch, und ich konnte urplötzlich wieder sehen. Ich war also doch nicht erblindet, nur die wahrhaft undurchdringliche Dunkelheit hatte mir etwas vorgegaukelt.

 

Grillfete

Jedoch blieb mir keine Zeit, darüber nachzusinnen. Die Quelle des Geheuls und des zuvor vagen Schimmers, jetzt ein deutlich sichtbarer Ghoul, hatte mich erreicht und drang mit Wehklagen und gespreizten Klauen auf mich ein. Hastig nahm ich die Hellebarde zur Hand, um den gespenstischen Feind niederzumachen. Auch als die grausigen Überreste endlich besiegt am Boden lagen, blieb mir keine Zeit für einen Gedanken, denn sofort folgte ein zweiter Untoter, diesmal ein Zombie, der unter hohlem Gestöhn mit ausgestreckten Händen an meine Kehle wollte.

Inzwischen ließ der Lichtzauber nach. Als ich ihn erneuert hatte, war das nächste, was ich sah, das Glitzern in den Augen zweier riesiger Giftschlangen. Während ich die Biester mit der Hellebarde und mit Fußtritten aufhielt, so gut es eben ging, beschwor Sascha eine Feuerwand. Mit lautem Knall erschienen die Flammen mitten zwischen den monströsen Reptilien, die sich zischend und fauchend darin wanden. Eine zweite Wand, die von Corinna kam, versperrte ihnen den Rückweg. Der Gestank von verbrannten Hornschuppen und siedendem Schlangenfett war unbeschreiblich.

So kämpften wir uns wohl über eine Stunde durch Horden von Zombies, Ghoulen, Spectren, mutierten Ratten, giftigen Schleimmonstern und Riesenschlangen, bis uns die Reagenzien für weitere Zaubersprüche ausgingen. Wir sahen uns an und sagten, fast gleichzeitig, nur ein Wort: »Raus!« Für die Rückreise benutzte ich meine eigene Rune, und lachend trafen wir uns in der Abbey wieder, wo wir unsere Beute zählten.

 

Reformation

Fortan zogen wir als verschworenes Dreigestirn durch die zahlreichen Dungeons unserer Welt. Covetous, Despise, Hythloth, Shame und Wrong wurden unsere bevorzugten Jagdgründe. Meist suchten wir uns weitere, zuverlässige Mitstreiter, kann doch eine größere Gruppe allen Gefahren der Unterwelt leichter die Stirn bieten. Öffnete sich irgendwo ein blaues Tor, dem rot- oder schwarzgewandete Gestalten entsprangen, die ohne viel Aufhebens sofort das Feuer auf die Umstehenden eröffneten, so flogen ihnen schon unsere Bolzen entgegen, bevor die Briganten noch recht wußten, wie ihnen geschah.

Dabei hatten wir es kaum je mit Gesindel zu tun. Weit öfter waren es ehedem angesehene Lords und Ladies, die wirtschaftliche Not, Geltungssucht, perverse Lust am Töten oder auch schlichte, dekadente Langeweile auf die schiefe Bahn geführt hatte. Immerhin waren die Fronten im allgemeinen klar, denn den meisten Raubrittern eilte ihr Ruf voraus. Und auch die Namen derjenigen Scheinheiligen, die im Verborgenen zu agieren versuchten, blieben selten lange unbekannt.

Dann kam der folgenschwere Tag, der alles verändern sollte. Unser allergnädigster Herrscher, Mylord British, war außer sich vor Zorn über die Ausschweifungen des Adels, von denen die Marktschreier in jeder größeren Stadt tagein, tagaus berichteten. So beschloß er, das Feudalsystem komplett zu reformieren. Allen Adligen, ob schuldig oder unschuldig, wurden ihre Titel aberkannt. Ging ich am Abend zuvor noch als Great Lady zu Bett, so wachte ich am Morgen nach der Reform als »berühmtes Frauenzimmer« auf, eine Reputation, der ich nur wenig abgewinnen konnte.

Inhalt

Vorwort
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25

 


© 1999 IDG Entertainment Verlag GmbH, Autor: Charles Glimm

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