Die beiden jungen Menschen ritten aus der Stadt hinaus und steuerten ihre Tiere direkt in ein nahegelegens Wäldchen.
Die Luft war noch lau trotz der späten Stunde.
Obwohl die Dunkelheit schon eingesetzt hatte wirkte der Wald eher wie verwunschen, denn wie unheimlich oder gar gefährlich.
Melisande und ihr Begleiter Patrobas unterhielten sich sehr gut, auch wenn Melisande schon ahnte, das ihr Begleiter mehr Interesse an ihr hegte, als umgekehrt.
Diese Vermutung bestätigte sich, als er den Platz, den sie sich für eine Pause ausgesucht hatten, als lauschig und romantisch bezeichnete.
Nach kurzer Überlegung wies sie ihn zurecht. Höflich jedoch bestimmt erläuterte sie ihm, das sie nicht so weit gereist war, um vom Regen in die Traufe zu kommen.
Sie hatte ihm schon erzählt, das daheim eine arangierte Hochzeit auf sie wartete und sie sich eine Reise förmlich bei ihrem Vater erbettelt hatte. Sie hatte argumentiert, das wenn sie in den Hafen der Ehe einziehen müsse so früh, sie wenigstens in der Welt gewesen und Erfahrungen gesammelt haben sollte.
Ihr Vater liebte sie viel zu sehr, als das er dem dauerhaften Bitten und Betteln standgehalten hätte und so hatte er ihr eine Reise in ferne Gebiete erlaubt. Allerdings nicht allein und auch nur befristet.
Melisande hatte aber nicht daran gedacht, mit dem ältlichen Knecht ihres Vaters irgendwohin zu reisen und so war sie ihm nach kurzer Stecke entwischt.
An ihre Eltern hatte sie vom nächsten Dorf aus eine Botschaft gesannt, dass es ihr gut ginge und dass sie, wenn sie genug von der Welt gesehen hatte, wieder heimfinden würde. Etwas feige, das musste sie zugestehen, doch eine Heirat mit dem jungen Mann von dem Nachbarsgehöft hatte so gar nichts prickelndes an sich.
Der junge Mann vor ihr ähnelte diesem auch so sehr, das er schon in der Schublade ewiger Freund gelandet war, ob er wollte oder nicht.
Es entstand eine unangenehme Pause. Doch nach einigem scheuen Lächeln und der Unterbrechung, während der er Feuerholz besorgte, unterhielten sich beide wieder angeregt.
Plötzlich jedoch wurde die Luft anders, irgendwo im Dunkeln war eine Art Schnauben zu hören!
Was war das? Melisande wurde als Erste hellhörig, doch ihr Begleiter vernahm erst nach angestrengtem Lauschen etwas.
Da...wieder ein Geräusch! Diesmal das Knacken von Zweigen! Und was noch schlimmer war, die Geräusche schienen aus mehreren Richtungen zu kommen!
Patrobas, der seinen Mut vor der jungen Dame beweisen wollte, ergriff eine der Laternen und wandte sich in die Richtung der letzten Geräusche.
"Melisande, ihr bleibt hier. Ich werde mal nachsehen" sagte er zu ihr und schon verschwand er in das Dunkel. Schnell war auch der Lichtschein der Laterne verschwunden und Melisande lauschte angestrengt.
Die Momente zogen sich wie Stunden und plötzlich gellte ein Schrei durch die Nacht! Und noch einer! Patrobas Stimme schrie ihren Namen!
Sie war indess aufgespungen und hatte ihre kleine Laterne ergriffen. Was war da los? Konnte sie ihm helfen?
Patrobas?" rief sie etwas unterdrückt ins Dunkel. "Patrobas, antwortet mir!" etwas lauter.
Das Knacken wurde lauter und schon wollte sie erleichtert ausatmen, als ihr eben dieser stockte.
Eine in schwarz gehülte Gestalt, getragen von einem riesigen schwarzem Ungetüm, einem Pferd nicht unähnlich, brach durch das Gestrüpp auf die Lichtung und geradewegs auf sie zu!
Vor Schreck wie erstarrt konnte Melisande nur einen leisen Schrei loslassen, doch die Gestalt hatte sie schon erreicht und ritt sie fast um.
Verängstigt schluchtze sie auf, drehte sich um und wollte fliehen, als sie merkte, das diese Gestalt nicht die Einzige seiner Art war. Noch zwei weitere Reiter standen nun, mit gefährlich schnaubenden Tieren, deren Augen funkelten, auf der Lichtung.
Und auch ihr Begleiter, der schon angeschlagen schien, war von ihnen hierher getrieben worden.
Melisande klammerte sich an ihre Lichtquelle. Sie wollte zu ihm, doch wurde sie daran gehindert, auch nur einen Schritt zu laufen. Ein Zauber überfiel sie und außer zu weinen, war ihr jede Möglichkeit genommen, sich groß zu bewegen.
Zuerst verstand sie nichts von dem, was wohl gesprochen wurde. Zischende Laute, heiser geflüstert jagten ihr wahre Gruselschauer über den Rücken. Was waren das für Ausgeburten der Hölle? Dämonen? Orks? Was nur?!
Ihr blieb jedoch keine Zeit zu überlegen. Patrobas schien mit diesen Wesen zu reden, irgendwas zu verhandeln doch schien er nur zu belustigen. Nur schwer, auch bedingt durch ihre fürchterliche Angst, begann sie einige Brocken zu verstehen.
Diese Wesen sprachen von Opferung, von einer Lloth, einer Frau wohl. Und nach einigen Momenten war klar, das ihr Begleiter um ihrer beider Leben flehte.
Er bot einen Handel an, eine Art Duell. Würde er siegen, müsse man sie gehen lassen. Doch Gelächter war die Antwort. Diese Wesen schienen sich an der Angst ihrer Opfer zu ergötzen und genossen es, sie wimmern und winseln zu sehen.
Nie hatte sie etwas ähnliches gesehen oder davon gehört. Das Wesen, was ihr am nächsten stand, schien sie zu bewachen. Sie versuchte, wenn auch unter weinen und schluchtzen, ein Erbarmen zu erbetteln, doch auch sie erntete nur lachen.
Schlimmer noch, das Wesen das so riesig wirkte auf der dämonischen Kreatur, schien verärgert zu sein. Es lies das Tier unruhig hin und her tänzeln und fast schien es, dass er sie überreiten wollte.
Waffengeklirr lenkte sie jedoch zumindest für diesen Moment ab.
Der unausweichlich scheinende Kampf zwischen den ungleichen Wesen war entbrannt, doch er war kurz.
Melisande schrie gellend auf, als sie zusehen musste, wie ein glänzendes Silberschwert tief und unaufhaltsam durch den jungen Mann gebohrt wurde. Nie würde sie das Geräusch seiner sterbenden Stimme vergessen!
Und nie das Lachen, in das die Kreaturen ausbrachen. "Für Lloth" hatte der Mörder noch gerufen. "Für Lloth!", bevor er den tödlichen Streich führte.
Jetzt schien es, wendeten sich aller Augen auf sie, auf Melisande. Ihre Knie drohten ihren Dienst zu versagen. Schwankend und vor Angst zitternd stand sie da, umgeben von Monstern und ihren Gehilfen.
Der eine, der Mörder schob nun seine Kapuze nach hinten über seine Haare und gab sich so zu erkennen. Was sie sah, liess ihr das Blut in den Adern gefrieren!
All die gruseligen Geschichten, die man als Kind erzählt bekam, wenn man nicht schlafen wollte, all die geflüsterten Schauermärchen wurden in diesem Moment Wirklichkeit.
Dies waren Drows! Echte, lebende, atmende Drows! Ihre glühenden Augen schienen wie Lava zu sein und ihr schlohweisses Haar leuchtete unheimlich in der sonst dunklen Nacht.
Als Melisande diese erkannte, wich jeglicher Funke Hoffnung auf ein Überleben von ihr und aufschluchzend sank sie zu Boden. All die Geschichten, all das Grauen kam ihr in den Sinn wie heisse Nadeln, die in ihr Fleisch gebohrt wurden.
Drows.....sie aßen Kinder, mordeten nicht tugendhafte Frauen, meuchelten ehrbare Leute aus dem Hinterhalt! Und sie würde jetzt auch so sterben. Sicher, es war ihre Schuld. Sie hatte sich dem Willen ihrer Eltern widersetzt und jetzt bekam sie ihre furchtbare Strafe!
Der Mörder griff nach ihr, zog sie hoch und sein Gesicht war wie zu einer Fratze verzerrt. Er schien zu lächeln, ein grausames Lächeln.
Wie im Nebel nahm sie wahr, das er einen Dolch gezogen hatte. Melisande schloss mit ihrem Leben ab und ihre Lippen hauchten nur noch ein "Bitte nicht....habt Erbarmen".
Wie durch einen Schleier nahm sie wahr, das er mit seinem Messer an ihrem Gesicht, an ihrem Hals zu spielen begann. Noch hatte er sie nicht verletzt doch schien es ihm sehr zu gefallen, das sie wimmerte und weinte.
Doch irgendwann hatte er genug gespielt und als er, allerdings nur um ihr eine Narbe zu verschaffen, seinen Dolch am Bauch quer über ihre Haut zog, war sie schon vor Angst fast bewusstlos.
So sank sie, kaum das er sie nun loslies zu Boden und verlor gänzlich das Bewusstsein.
...
Wie sie zu einem Heiler kam, der ihre Verletzungen versorgte und sich um ihr Seelenheil kümmerte, konnte sie später nicht mehr sagen. Doch innerlich war sie dankbar, es überlebt zu haben.

















