Hallo Leute, ich habe mich schon lange nicht mehr hier blicken lassen und auch jetzt melde ich mich nicht in Sachen UO.
Es ist jetzt vielleicht ein etwas egoistisches Anliegen, aber es ist mir sehr wichtig.
Das Schreiben ist zu meinem Leben geworden, natürlich nur metaphorisch (dank UO, wo ich anfing meine ersten Charaktergeschichten zu schreiben, später zwei Freeshards gründete und zu diesen auch wieder eine Hintergrundgeschichte entwickeln musste.) Die Gedanken fingen irgendwann an zu fließen und ich schrieb auch ein Buch, das allerdings keinen besonders großen Erfolg verbuchte.
Jetzt aber zu dem, worum es mir hier geht.
Ich schreibe derzeit wieder an einem Buch, ein Science Fiction Roman mit ca 2000 Seiten. Worum es darin geht, würde jetzt zu lange Zeit erfordern, um es nur einigermaßen durchsichtig zu erklären. Nur soviel, es ist ein Roman der aus vielen einzelnen Strängen besteht, die im späteren Verlauf in einen Hauptstrang übermünden.
Ich habe davon schon das ein oder andere Kapitel in einem Literaturforum ausgestellt, aber Kritik bekommt man da nur selten und wenn, ist sie meist sehr oberflächlich.
Ich als Schreiber lebe vom Gefühl, und wenn ich schreibe dann tue ich das, um andere für eine kurze Zeit lang in fremde Dimensionen zu entführen, so wie ihr bei UO.
Ich möchte wissen, wo meine Schwächen beim Schreiben liegen, aber auch meine Stärken und was der Leser für einen Gesamteindruck erhält.
Wie ist der Lesefluss, liegt der Spannungsbogen richtig, sind die Reden authentisch, sind die Motive der handelnden Person klar und ersichtlich, wie ist ihre Gefühlswelt, ist sie nachvollziehbar? Solche Dinge eben.
Ich will jetzt nicht ausschweifen, dazu neige ich für gewöhnlich.
Daher hier ein Stück Text. Wäre schön ein paar Kommentare zu ernten, aber bitte nur auf den Inhalt und nicht auf die Satzzeichen (denen habe ich noch immer den Krieg erklärt). Danke
Kapitel 46
Lewinia erhob sich würdevoll von ihrem Thron. Er war der prunkvolle Mittelpunkt einer großen pompösen Halle aus schwarzem Marmor und Onyx, deren gewaltiger Dom von mächtigen Stützpfeilern getragen wurde. Die Halle wirkte kalt und leer, doch sie entsprach genau Lewinias Vorstellungen. Es gab keinen Ort auf Erden an dem sie sich lieber aufgehalten hätte und der in ihren Augen perfekter dazu geeignet gewesen wäre, ihre dunkle, von Macht erfüllte Seele widerzuspiegeln.
Sie stieg die mit Samt ausgelegten Treppenstufen des Throns hinab und ging mit nachdenklicher Miene den Thronsaal auf und ab, wobei sie mit einer gewissen Entzückung dem lauten Hall ihrer spitzen Stiefelabsätze lauschte. Es war das einzige Geräusch, das die unheilvolle Stille dieses Ortes durchbrach. Und doch war Lewinia nicht alleine hier. Drei ängstlich wirkende Augenpaare waren permanent auf sie gerichtet.
Während Lewinia bedächtig die schwarzen Engelsstatuen betrachtete, die den Säulengang zu ihrem Thron zierten, dachte sie darüber nach wie sie schon bald die Welt verändern würde, wenn sie endlich die Macht besäße alle Lebewesen auf dem Erdball zu kontrollieren und nach ihren Launen zu steuern.
Spätestens dann wäre sie nicht nur Herrscherin über die Maluten, sondern auch über diese einfältigen Menschen, deren Blut zur Hälfte durch ihre Adern floss. Eigentlich fühlte sie sich keiner der beiden Rassen wirklich angehörig, denn sie war weder Mensch noch Mutant und hatte als Kind von beiden Seiten viel Misstrauen und Abneigung erfahren müssen, obwohl sie eigentlich das Beste von beidem darstellte. Im Gegensatz zu diesen Lebewesen war sie quasi perfekt, eine vorherrschende Wesensform, die mit besonderen Fähigkeiten ausgestattet war. Schon im jugendlichen Alter hatte Lewinia die PSI-Begabung an sich entdeckt und diese heimlich immer weiter ausgebaut, bis sie sich reif genug gefühlt hatte, ihren Führungsanspruch auf die Welt, die sie so verachtete geltend zu machen. Ihr erster Schritt zur Macht, die Besteigung des Malutenthrons, war ihr überaus leicht gefallen. Sie hatte ihre Kräfte nicht einmal zum Einsatz bringen müssen, um den alten Malutenfürsten zu entthronen. Lewinia hatte den lüsternen Bock einfach bezirzt, geheiratet und war ihn schließlich schon nach nur wenigen Monaten mit einer täglichen Dosis Belladonna, die sie ihm in seine Getränke gemischt und schrittweise erhöht hatte, losgeworden. Nur wenige hatten Verdacht geschöpft und noch wenigere hatten versucht ihn zu äußern. Und die es versucht hatten waren sanft im Traum entschlafen, durch sie.
Offiziell galt Lewinia aber noch nicht als die alleinige Herrscherin über Artak, dem Land der Maluten. Sie besaß viel Macht aber eben nicht alle.
Es gab noch den Rat der Dreizehn, der von Graf Malkasar als Vorsitzenden geleitet wurde und der bei allen politischen Entscheidungen in Artak vom Prinzip her über die gleiche Stimmgewichtigkeit verfügte wie sie. Auch wenn der Rat über keine Entscheidungsgewalt als solche verfügte, oblag ihm das Recht des Vetos, das sehr zu ihrem Missmut, zwar nicht oft, aber bei den wichtigsten Entscheidungen von ihm eingesetzt wurde, womit er ihre Politik oftmals blockierte oder durchkreuzte. Die Konstituierung des Rates vor jeder politischen Entscheidung war für Lewinia ohne Zweifel ein Ärgernis, aber keines womit sie nicht auf Dauer fertig würde. Es gab immer Mittel und Wege sich einer Sache zu entledigen, und sie würde auch für dieses Problem irgendwann eine Lösung finden. Eine Bedrohung ihrer Führungsposition ging vom Rat jedenfalls nicht aus, und das, obwohl er im Volk weit höher angesehen war als sie, die allgemein als verhasst galt. Doch Lewinia wusste damit sehr gut umzugehen. Das Leben hatte ihr bereits am Tag ihrer gewaltsamen Zeugung einen immerwährenden Kampf vorhergesagt, und den gedachte sie stets für sich zu gewinnen. Angefangen hatte alles mit ihrem nun schon seit vielen Jahren verblichenen Vater, der sie bis zum Tag seines Ablebens – dem sie ebenfalls nachgeholfen hatte –als seine unfreiwillige Konkubine angesehen hatte. Er hatte sie gedemütigt, misshandelt und im Verlauf ihrer Kindheit mehrmals vergewaltigt. In Lewinia stieg der Hass empor, wenn sie nur an ihn dachte. Doch er hatte seine Frevel reichlich gesühnt. Mehr Schmerzen als sie ihm bei seiner Ermordung zugefügt hatte, würde ihm selbst die Hölle, wenn es sie denn gab, nicht mehr bereiten können.
Ihre menschliche Mutter hatte Lewinia nie kennen gelernt. Sie war bei ihrer Geburt entschlafen, doch Lewinia war sich sicher bereits im Mutterleib eine starke Ablehnung gegen sich verspürt zu haben. Bis zu ihrer Geburt hatte sich diese Ablehnung in ihrem eigenen Naturell manifestiert und war nun mehr in Hass umgeschlagen. Ja, sie war böse durch und durch, und sie genoss es böse zu sein.
Doch jetzt Schluss damit, das war Schnee von gestern, unnötiger Kram. Sie musste an die Zukunft denken. Der jetzige Zustand der Stagnation erschien ihr unerträglich. Die Warterei machte sie aggressiv. Wieder am Thronaufstieg angekommen, stieg sie diesen empor und blieb vor ihrem Thronsitz stehen. Die stillen Blicke der Augenpaare begleiteten sie noch immer, und noch immer wirkten sie angespannt. Eines dieser Augenpaare gehörte ihrem Berater, dem nicht entging, dass sie ungeduldig wurde. Er wusste auch, dass dieser Zustand gefährlich für ihn war.
Von jetzt auf gleich, so spontan wie ein Wetterumschwung im April, fasste Lewinia ihn wütend ins Auge und ließ ihn mit ihren Gedanken mehrere Meter über ihrem Thron aufsteigen.
„Verflucht, ich kann mich heute einfach nicht entspannen. Wo bleibt nur die Rückmeldung dieses impertinenten Wissenschaftlers? Was sagst du dazu Berater? Er wollte mir doch längst die Daten übermittelt haben. Und was ist mit diesen beiden Trotteln die ihn unterstützen sollten? Wie hießen sie noch gleich, Cragg und Cannis?“ Fürstin Lewinia schäumte vor Wut, während der Mutant hoch über ihr hilflos in der Luft zappelte und mit schreckgeweiteten Augen auf sie herabsah. „Oh edle Herrscherin, ich kann euch nichts dazu sagen, bisher ist noch keine Nachricht von ihnen eingegangen.“ „Und warum nicht? Hast du es, als mein Berater etwa nicht als deine Pflicht empfunden, dich um meine Belange zu kümmern und nachzuhaken, wo zum Teufel diese Nachricht bleibt? Statt dessen bist du hier und siehst zu, wie deine Herrscherin sich grämt. Du wusstest von dem Termin und du weißt, wie ich auf Versagen reagiere. Erinnere dich an deinen Eid den du mir gegenüber bei Amtsantritt geleistet hast.“ Der Mutant sah sie noch bestürzter an als zuvor. Er wollte ihr sogleich antworten, doch sein Mund wurde ihm unmittelbar von einer unsichtbaren Kraft zugehalten. „Spare dir deine Worte, du brauchst dich nicht mehr zu rechtfertigen. Deine Gedanken haben dich längst verraten und da du so denkst, wie du denkst, will ich deine Dienste nicht mehr länger in Anspruch nehmen. Du bist fristlos entlassen.“ Der Mutant schloss entsetzt die Augen und zitterte am ganzen Leib, er ahnte was jetzt käme. „Was ist mit dir? Fürchtest du um dein erbärmliches Leben?
Bisher habe ich doch lediglich verlautbart, dass du von nun ab nicht mehr in meinen Diensten stehst. Schwamm drüber, ich kenne dich einfach nicht mehr“, sagte sie und hing ihrem Plädoyer ein charmant betontes Lächeln an. Vielleicht schon ein wenig zu charmant für ihre Person. Der bedrückte Gesichtsausdruck des Mutanten entspannte sich daraufhin ein wenig. Er wagte es wieder die Augen zu öffnen und schaute seine Gebieterin ungläubig an. Mit so viel Gnade hatte er bei weitem nicht gerechnet. Er spürte wie der Druck der auf seinen Mundwinkeln lastete nachließ und er wieder frei reden konnte. „Ihr lasst mich also tatsächlich am Leben? Ihr vergesst was vorgefallen ist und tragt mir nichts nach?“ „Wer hat denn das behauptet?“, sagte Lewinia, immer noch charmant gekonnt lächelnd. „Ich sagte nur ich kenne dich nicht mehr und somit vergesse ich natürlich auch, dass es meine Macht ist, die dich derzeit die Schwerkraft besiegen lässt. Ohne sie, hmmmm.....was wird wohl passieren?“ Sie zuckte nichtig mit den Schultern und wendete desinteressiert den Blick von ihm ab. Nur Sekunden später raste der massige Körper des ehemaligen Beraters Lewinias mit irrsinniger Geschwindigkeit dem Boden entgegen, wo sein Schädel bei Aufprall auf die Kante des Thronstuhls wie eine reife Melone zerplatzte und eine kleine Blutfontäne verursachte, deren Peripherie Lewinia im Gesicht streifte. „Tststs, so ein Pech aber auch, jetzt habe ich ihn doch tatsächlich vergessen. Was für eine Sauerei, zum Glück ist der Thron aus Onyx“, betonte Lewinia sarkastisch, ohne dabei jegliche Gefühlsregung des Bedauerns zu zeigen.
Im Gegenteil, sie wirkte erregt, wie nach einer leidenschaftlichen Begegnung und bedauerte nicht einmal den Dreck, den die Leiche auf ihrem Thron hinterließ. Den würde sie von ihren schnöseligen Lakaien wegräumen lassen.
Auf sehr elegante Weise wischte sie sich mit dem Zeigefinger ihrer rechten Hand die Blutspritzer aus dem Gesicht und ließ die Fingerkuppe anschließend delikat über ihre Lippen gleiten, wo sie jedes einzelne Bluttröpfchen genüsslich mit sanfter Zungenberührung aufnahm. „Tja, so etwas passiert, wenn jemand seiner Arbeit nicht pflichtbewusst nachgeht und ich dadurch in Zeitverzug gerate“, sagte sie in einem arrogant überheblichen Ton und stierte dabei hitzig ihre zwei Lakaien an, die dem Geschehen wortlos und mit einer sichtbaren Fassungslosigkeit beigewohnt hatten. „Was glotzt ihr denn noch so blöd, ich benötige auf der Stelle einen neuen Berater, seht ihr das nicht?“, brüllte die zierliche Frau die zwei hochgewachsenen Mutanten an, die in ihren vornehmen Gewändern nicht nur grotesk, sondern auch lächerlich aussahen. Die beiden blickten sie ratlos an und zitterten am ganzen Leib. Sie kamen jedoch nicht mehr dazu Taten folgen zu lassen, denn schon verschmälerten sich Lewinias Augen und ihre Gedanken strömten aus um die Muskeln ihrer Gehapparate zu blockieren. „Was? Habe ich da soeben richtig gehört?“, klagte sie die beiden scheinbar zusammenhanglos an. „Aber wir haben doch....“ „Unterbreche mich nicht du kleiner Wicht“, fiel sie dem Diener, der sich rechtfertigen wollte ins Wort. „Ihr findet es also ungerecht was ich soeben mit meinem Berater gemacht habe. Und nun wagt es nicht zu behaupten, ich hätte mir diese Gedanken von euch nur eingebildet oder gar ausgedacht. Also, was war nun so ungerecht daran? Hätte ich ihn anders sterben lassen sollen? Vielleicht schneller oder war euch sein Tod nicht grausam genug? Was hat euch daran nicht gefallen, raus mit der Sprache oder den Gedanken, und wagt es nicht mich anzulügen, ich finde ohnehin die Wahrheit heraus.“ Die beiden Mutanten waren nicht nur verkrampft, sie wirkten auch total gelähmt. Sie wussten, dass ihrer beider Existenz im Augenblick auf Messers Schneide stand und jeder falsche Gedanke tödlich für sie enden konnte. Doch Gedanken die hinaus wollten in Schach zu halten war schwer, vor allem wenn man nicht wusste welche erlaubt und welche verboten waren. Aber auch ohne dieses Dilemma wäre den beiden der Schweiß ausgebrochen, denn sie kannten den unberechenbaren Jähzorn Lewinias und sie wussten auch, wie leicht man zu dessen Ziel werden konnte. „ Denkt immer daran, ich muss mich für gar nichts rechtfertigen, vor Niemandem, denn ich bin hier die Herrscherin, Rat hin Rat her. Der Rat der Dreizehn wird euch vor mir nicht beschützen, er ist sowieso nur ein lästiges Kasperletheater, das irgendwann verschwinden wird. In letzter Instanz bestimme ich über Leben und Tod, wie ich will, wo ich will und wann ich will, vergesst das niemals. Aber wenn ihr damit nicht einverstanden sein solltet, könnt ihr gerne Beschwerde über mich bei mir einreichen.“ Kaum hatte sie ihren letzten Satz zuende gesprochen hoben die beiden massigen Körper der Mutanten ebenfalls vom Boden ab, wie schon der Berater zuvor. Und wie der Berater zappelten auch sie wild in der Luft umher. „Und? Wollt ihr immer noch aufsässig sein oder habt ihr es euch anders überlegt?“ „Nein oh edle Herrscherin“, antwortete einer der Lakaien unterwürfig. Dabei sah er die Frau mit den langen kupferroten Haaren und der minzegrünen Haut, das einzige Merkmal, das sie äußerlich von einem Menschen unterschied, mit flehendem Blick an. Es wirkte fast schon zynisch, wie dieser Muskelberg von einem Mutanten vor Lewinia erzitterte und mit welcher Demut er auf ihr denunzierendes Auftreten ihm gegenüber reagierte. Für ihre Verhältnisse gütig, ließ sie ihn wieder hinunter zu Boden gleiten, während sie den anderen, der sein Schweigen weiterhin aufrecht erhielt, immer höher, in Richtung einer plattgoldverzierten Kuppel schweben ließ, in deren Mitte sich ein abstrakt geformtes, rotbraunes Fresko befand, das nur einem verwirrten Geist entsprungen sein konnte. So ähnlich war zumindest das Denken des Lakaien. Das Pech für ihn war nur, dass genau dieser Gedanke der falsche war. „Du elender Gretein, einen verwirrten Geist nennst du mich also, mich, die Muse aller Musen. Jeder Kunstkenner hätte sofort erkannt welches Meisterwerk sich dort vor ihm befindet, welch einzigartiges Genie hinter diesen Farbgebungen steckt. Es stellt die Vereinigung von Leben und Tod dar und so heißt es auch: Leben und Tod. Und du, du wagst es.....“ Ihr gekränkter Stolz suchte noch nach den passenden Worten um die Blasphemie in ihrem vollen Umfang auszudrücken. „Mit Verlaub, aber das ist doch nur ein Farbklecks, oh Gebieterin“, antwortete ihr der Lakai fassungslos und irritiert, nicht ahnend, dass er damit sein eigenes Todesurteil unterzeichnete. Lewinia sah ihn perfide an. „ Ein Farbklecks also? Du bezeichnest das ganze also als einen ordinären Farbklecks. Ich werde dir zeigen wie viel mehr dieser Farbklecks mir bedeutet. Wenn du die Kunst die dahinter steckt schon nicht erkennst und ihr nur Verachtung entgegen bringst, dann wirst du eben zu einem Teil von ihr werden. Ein guter Diener warst du sowieso nie, vielleicht taugst du dann wenigstens als Farbe.“ Mit diesen abschließenden Worten, ließ sie den Mutanten nach oben schnellen, wo er am Kuppeldach angekommen unter einem lauten erbärmlichen Schrei, Höllenqualen durchleitend, zerdrückt wurde. Obwohl er augenblicklich tot war, sah es minutenlang noch so aus, als vollführe er einen wilden aber lautlosen Tanz an der Decke, der das Gemälde mit jeder seiner Bewegungen um ein Stück erweiterte. Das Blut quoll dabei aus allen Poren seines Körpers heraus, wobei dieser immer mehr die Optik eines mit roter Farbe vollgesogenen Schwammes annahm. Heftiger Blutregen setzte ein und tropfte literweise von der Decke herunter. Er benetzte jeden Zentimeter des Bodens unterhalb des Domes. Lewinia stellte sich direkt in sein Zentrum und genoss den warmen roten Niederschlag mit einem berauschten Aufschrei, der die Wände ihres Palastes für kurze Zeit zum Beben brachte. Es war monströs.
Der noch lebende Diener, schaute dem ganzen fassungslos zu, wobei er keinen einzigen klaren Gedanken mehr fassen konnte, vielleicht zu seinem Glück. In seinem Gesicht stand das pure Entsetzen. „Gute Dienste werden belohnt“, sagte Lewinia hämisch,“ aber wie du siehst finde ich auch für schlechte Diener noch eine adäquate Verwendung. Wenn du nicht so enden willst wie er, streng dich stets an, denn mein Gemälde ist noch längst nicht fertiggestellt.“ Der Diener schaute sie fröstelnd an. „Ich werde zukünftig versuchen euch jeden Wunsch von den Lippen abzulesen und meine schändlichen Gedanken im Zaum zu halten?“ „Lass dieses schleimige Getue, du niedere Kreatur, dazu bist du doch gar nicht in der Lage, weder zu dem einen noch zu dem anderen.“ Lewinia gestaltete ihr Gesicht zu einer fiesen überheblichen Grimasse. Dieser Ausdruck stand ihr überaus gut. Auf ihre Weise war sie eine Schönheit, wenn auch eine sehr perniziöse.
Überhaupt schien Lewinia sehr viel davon zu halten, ihre markanten Gesichtszüge durch eine sehr intensive Farbgebung zu betonen. So hatte sie zum Beispiel ihren Augen, durch lange dunkle Liedstriche, ein schmales Äußeres verliehen, das ihren durchdringenden- und als hinterhältig zu bezeichnenden Blick, noch mehr zum Ausdruck brachte. Aber auch ihre Wangenknochen wurden durch dezente Farbschattierungen geschickt hervorgehoben, was ihr Gesicht insgesamt noch härter und durchtriebener wirken ließ. Sie sah aus wie ein Sukkubus. „Los besorge mir sofort meine schwarze Lederrüstung und dann sorge dafür, dass drei Feuermilane gesattelt werden.“ „Edle Herrscherin, soll ich euch auch gleich noch zwei Soldaten suchen lassen die euch begleiten werden.“ Lewinia grinste fies. „Mehr Hirn als eine Erdnussschale, vorzüglich. Du bist wirklich gut, viel besser als all deine Vorgänger. Du scheinst mich zu verstehen. Aber bilde dir bloß nichts darauf ein. Aus uns wird nie etwas werden.“ „Daran würde ich nie wagen zu denken, oh edle Herrscherin“, antwortete ihr der Lakai kriecherisch. Lewinia sah ihn dünkelhaft an. „Findest du mich etwa unattraktiv oder warum konntest du so schnell deinen Entschluss fassen?“ Im Kopf des Mutanten sprangen sofort die Alarmsirenen an, das war doch eine dieser gefährlichen Fangfragen. „Nein, doch nicht deswegen. Aber ich weiß, dass es sich nicht gebühren würde, nur daran zu denken. Ihr seid für mich wie eine Göttin, ich bete euch an, aber ihr bleibt unerreichbar für mich, denn ich bin nicht mehr als der Schmutz eurer Absätze.“ „Meine Absätze sind nicht schmutzig, also höre auf mit diesem Geschwafel! Auch wenn deine Worte mir durchaus schmeicheln, du kleiner Parasit. Vergiss nicht, ich kann deine Gedanken lesen. Das einzige was dich an mich bindet ist deine Angst. Aber dass du so denkst ist dein Glück, manch anderen Gedanken hätte ich dir nicht verziehen.“ Sie schaute noch einmal demonstrativ zur Decke, wobei dem Diener erneut der Angstschweiß lief. „Keine Sorge, diese Farbe muss erst einmal trocknen. Heute werde ich nicht mehr an meinem Kunstwerk weiterarbeiten können. Aber trotzdem solltest du dich mit der Ausführung meiner Befehle beeilen, denn es gibt durchaus noch andere praktische Verwendungsmöglichkeiten für deinen Körper, die du gewiss nicht kennen lernen willst.“
Der Diener zuckte zusammen und verschwand sofort aus ihrem Blickfeld. Er hatte seine Lektion gelernt, Fehler waren bei ihr tödlich.
Nachdem er den Thronsaal verlassen hatte, ließ sich Lewinia in ihren Thronstuhl hineinfallen, schloss die Augen und nickte nur kurze Zeit später ein. Auch sie brauchte ihren Schönheitsschlaf.
Wach wurde sie wieder durch fremde Gedanken, die sich selbst im Schlaf nicht gänzlich ihrer Macht entziehen konnten und sich wie Türen zur Realität in ihre Träume einbauten. Es war der Lakai der soeben durch das große schwarze Hauptportal die Thronhalle des fürstlichen Palastes betreten hatte. Auf ausgestreckten Armen trug er eine geschmeidige Lederrüstung. Er keuchte vor Verausgabung, nicht etwa weil die Rüstung so schwer gewesen wäre, sondern weil er sich fürchterlich beeilt hatte. Die Angst und die Hektik die er verspürte stand ihm in Form eines dicken Schweißfilmes auf sein Gesicht geschrieben und äußerte sich sogar soweit, dass er sämtliche Etikette zu vergessen schien. Bereits auf halbem Weg zu ihr blieb er plötzlich stehen und wollte ihr zurufen, dass die Feuermilane aus den fürstlichen Stallungen durch ihn gesattelt seien und sich zwei zuverlässige Männer als ihre Begleitung gefunden hatten. Doch schon nach seinem ersten Wort unterbrach sie ihn mit einem unwirschen Handzeichen. „Spar dir deinen Atem“, rief sie ihm zu „reiche mir stattdessen lieber die Rüstung.“
Er gehorchte ihr ohne weitere Worte zu verschwenden und drehte sich sogleich nach Übergabe der Rüstung an sie um. „Warum drehst du dich nun um? Ihr dreckiges Mutantenpack seht doch sonst nicht weg, wenn sich die Gelegenheit bietet eine nackte Frau anzustieren?“ Seine grüne Gesichtsfarbe färbte sich augenblicklich dunkelgrün. „Aber Gebieterin!“ „Schau gefälligst hin! Denkst du ich kann deine bewegten Gedanken nicht spüren? Du sollst diesen Körper betrachten, mit der Gewissheit, dass du ihn niemals berühren oder besitzen wirst, ich will deine gequälte Begierde in mir spüren, sie erregt mich.“
Der Lakai drehte sich wieder ängstlich zu ihr hin und schaute mit bangem Gesichtsausdruck dabei zu, wie sich ihr Gewand scheinbar von Geisterhand geführt nach unten hin aufrollte. Schon bei der Entblößung ihrer festen wohlgeformten Brüste begann sein Herzschlag in die Höhe zu schnellen. Als das Gewand ihre schmale Taille erreichte und von dort aus, über ihre breiten anmutigen Hüften zu Boden sank, war das Gefühlschaos in ihm perfekt. Begierde kämpfte gegen Vernunft, Wollust gegen Angst. Lewinia war unglaublich schön. Sie war eine dunkle Göttin der Verführung. Ihr makelloser Körper faszinierte ihn gleichermaßen, wie er ihn in Panik versetzte. Mehrere Sekunden blieb sie in dieser Nacktheit vor ihm stehen und genoss seinen unschlüssig aufdringlichen Blick, der mit uferloser Furcht gepaart war. Erst dann zog sie sich die Rüstung an, genau nach dem selben Schema wie sie zuvor das Gewand hatte fallen lassen. Ohne auch nur einen einzigen Handstreich dabei auszuführen schwebte die nachtschwarze Rüstung auf sie zu, öffnete sich selbstständig und schloss sich dann wie eine zweite Haut um ihren Körper. Die Schnallen die zu ihrer Befestigung dienten gingen synchron zu, sodass dieser Vorgang nur wenige Sekunden in Anspruch nahm. „Und wie sehe ich aus?“, fragte Lewinia ihn herablassend. „Sehe ich nicht genau so aus wie eine dunkle Herrscherin aussehen sollte?“ Der Lakai wusste nicht was er darauf antworten sollte. „Ach was frage ich dich überhaupt! Ihr Mutanten habt sowieso keine Ahnung von Frauen.“ Er hätte dem nicht zugestimmt, aber er wagte nicht zu widersprechen, sondern starrte sie weiterhin nur wortlos an. „Dämonisch, was?“, betonte Lewinia selbstherrlisch und brachte mit einer koketten Kopfbewegung ihr flammend rotes Haar in Wallung.
Tatsächlich verlieh ihr das rote Haar, in Kombination mit der schwarzen Rüstung, ein dämonisches Antlitz, das sie an eine dunkle Walküre erinnern ließ.
„Du sagst die Milane und die Soldaten stehen bereit.“ Er nickte nur verschüchtert. „Gut, dann werde ich sofort aufbrechen. Sorge dafür, dass der Unrat hier entfernt wird. Wenn ich wieder komme, will ich hier keinen blutigen Fetzen mehr vorfinden. Und dann machst du eine Ausschreibung für den neuen persönlichen Berater von mir. Wenn sich keiner freiwillig melden sollte, wovon ich ausgehe, wird einer durch Losverfahren aus den intelligentesten Männern des Volkes bestimmt, wenn man bei euch Maluten überhaupt von Intelligenz sprechen darf. Und siehe zu, dass der Rat keinen Wind davon bekommt, ich hasse diese endlosen Diskussionen mit Graf Malkasar.“ „Wie ihr befehlt oh edle Herrscherin.“
Lewinia nickte zufrieden. „Du kannst es weit bei mir bringen, also gebe dir weiterhin Mühe.“ Mit diesem Satz hob sie sich selbst in die Lüfte und schwebte wie eine dunkle Göttin zum Ausgang der Halle. Die Milane warteten schon auf sie.
Kapitel 63
Gnirl und Gnarl waren zwei Kobolde. Kleine quirlige Wesen, mit einer ausgeprägten Neugierde und einer gewissen Intelligenz. Sie war nicht überwältigend, aber zumindest so weit ausgeprägt, dass es ihnen möglich war, sich in einem umfangreichen Vokabular miteinander zu unterhalten. Kobolde besaßen keine eigene Sprache, sondern hatten einfach die der Menschen, aus denen ihre Spezies vermutlich vor Jahrhunderten hervorgegangen war, für sich adaptiert. In gewisser Weise waren sie den Menschen also ähnlich; Sie gingen auf zwei Beinen, besaßen zwei Hände, die sie sehr geschickt einzusetzen wussten, und auch ihr Gesicht, das vergleichbare, wenn auch etwas markantere Züge aufwies, verfügte über ein gewisses Repertoire an Mimiken, die sie je nach Stimmungslage verändern konnten. Genauso wie Übereinstimmungen, gab es natürlich auch Unterschiede. Wenn man genauer hinschaute, waren es sogar recht viele und sie waren alle gravierend. Anders als Menschen nämlich, besaßen Kobolde generell sehr kleine Nasen, die mehr wie der Ansatz oder der Stumpf eines Riechorgans aussahen. Sie erinnerten an den mit Pergamenthaut überzogenen Nasenflügel einer Inkamumie, was dem Geruchsinn jedoch keinen Abbruch tat. Im scheinbaren Ausgleich zur verkrüppelten Nase hatte die Natur ihnen um so größere Ohren verliehen, um die sie, im Größenverhältnis zum Körper gesehen, jeder Elefantenbulle beneidet hätte. Schon das strapazierte jede Vorstellungskraft, wurde aber von den riesigen rotbraunen Augen, die beim Betrachter stets den Eindruck von Traurigkeit und Entsetzen hinterließen, und die fast die Hälfte ihres Gesichtsfelds einnahmen, noch übertroffen.
Und so schwer das auch nachzuvollziehen war, rundeten die Augen dennoch das Gesamterscheinungsbild zu einer insgesamt erträglichen Form ab, die dahinter eine vermeintlich existierende Unterart etwas zu hässlich und zu groß geratener Koboldmaki vermuten ließ. Vielleicht nicht ohne Grund, aber wer hätte dazu eine Aussage treffen sollen, außer vielleicht ein paar höchstwahrscheinlich verstorbener Genforscher?
Doch die Kontraste in der Optik beschränkten sich nicht alleinig auf das Gesicht.
Auch die Anatomie der Kobolde wies deutlich erkennbare Unstimmigkeiten zum Homo Sapiens auf. Kobolde liefen nämlich, ähnlich wie Schimpansen, immer leicht gebeugt und unterstützten ihren Gang häufig mit ihren langen, sehnigen Armen, da ihre Wirbelsäule eine starke Krümmung aufwies. Der gänzlich aufrechte Gang blieb ihnen somit verwehrt.
Wie die Haut des Menschen, so war auch die der Kobolde weitgehend unbehaart, nur schwarzgrau wie vulkanisches Gestein. Zudem war sie rau wie Schmirgelpapier und erinnerte im entferntesten an einen verwachsenen Schuppenpanzer. Feste Kleidung trugen Kobolde keine – ausgenommen davon war ein dünner Lappen, den sie sich vor ihre Geschlechtsteile banden -. Für Höhlenbewohner war solche auch eher unzweckmäßig, da sie viel zu schnell im Erdreich verschmutzte und man in den unterirdischen Höhlensystemen nur allzu leicht damit an überstehenden Wurzeln oder Steinen hängen blieb.
Eigentlich waren Kobolde Geschöpfe der Nacht, die tagsüber schliefen. Gnirl und Gnarl bildeten da keine Ausnahme, doch sie liebten den Sonnenuntergang
und hatten ihr unterirdisches Schlupfloch vorzeitig verlassen, um am Rand des Canyons die letzten Atemzüge des Tages zu genießen.
„Schau mal Gnirl! Ist dass da unten nicht ein Mensch? Ich habe schon lange keine Menschen mehr gesehen“, erklang eine sehr helle, vorwitzige Stimme, die Faszination aber auch ebenso Zurückhaltung signalisierte. „Hoooooh, und er hat eine sehr, sehr große funkelnde Kiste dabei. Siehst du sie, Gnarl? Da, auf dem Rücken des großen Tieres, in gerader Linie unter uns.“ Der kleine Kobold folgte der Umschreibung seines Artgenossen und riss verzückt die großen Augen auf, als er die Kiste entdeckte. „Ohhhhh, ja, ich sehe sie! Was da wohl drin sein mag? Das macht mich jetzt irgendwie kribbelig.“ „Wollen wir dann nicht hingehen, Gnarl, und sie öffnen, vielleicht ist ja ein Schatz drin. Menschen haben immer Schätze dabei.“ „Nein, Gnirl, ich weiß nicht so Recht. Der Mensch hat sich bestimmt eben erst schlafen gelegt, vielleicht sollten wir besser warten bis es richtig dunkel ist. Im Dunkeln können die Menschen nichts sehen.“ „Ach, sei schon kein Feigling Gnarl, der schläft tief und fest.“ „Und was ist mit dem großen Tier da? Es könnte uns anfallen und fressen.“ „Du Depp, das ist kein Fleischfresser und außerdem schläft es. Komm! Ich will jetzt wissen was in der Kiste ist. Was glaubst du, was der Häuptling für Augen machen wird, wenn wir mit einem Schatz zurückkehren.“ Gnarl sah seinen Freund Gnirl zweifelnd an. „Ich weiß nicht so recht.“ „Dann bleib halt hier oben, du Feigling, aber gib mir Zeichen, wenn du etwas Verdächtiges siehst.“ „Was...?“ „Ich klettere jetzt hinunter und schau in die Kiste rein“, antwortete Gnirl in gediegener Euphorie. „Handel nicht überstürzt und pass bloß auf dich auf! Sobald er wach wird, musst du das Weite suchen, Gnirl. Wer weiß was der Mensch mit dir anstellt, wenn er dich in die Finger bekommt.“ „Keine Sorge, das wird er nicht, ich schleiche auf Katzenpfoten daher. Ehe du dich versiehst, bin ich mit der Kiste hier oben bei dir. Außerdem... huahhhh....sehe ich nicht gefährlich aus? Er wird schreiend vor mir flüchten, wenn er mich sieht.“ Gnarl verdrehte zweifelnd die Augen, „du bist mir etwas zu übermütig und vorschnell, denk daran welchen Ärger du uns das letzte Mal...“
Es war zu spät für Belehrungen. Gnirl hatte sich ungeachtet der Warnung seines Freundes bereits über die Kante des Vorsprungs geschwungen und versuchte sich am Abstieg. Kobolde waren ausgezeichnete Kletterer, die mit ihren spitzen Krallen an den Fingerenden sogar bloßes Felsgestein besteigen konnten. Gnirl benötigte nur wenige Anlaufversuche, bis er mit seinen gelenkigen Füßen, die er fast wie Hände benutzen konnte, eine günstige Stelle zu greifen bekam, von der aus er sich die steile Felswand hinunter hangeln konnte. Er wirkte dabei weder angestrengt noch sonderlich konzentriert. Für die knapp 20 Meter Höhenunterschied benötigte er gerade einmal zwei Minuten. Unten angekommen schlich er leise auf das Lager des Menschen zu, wobei sein Blick die meiste Zeit gierig auf die Kiste schielte.
Der Mensch schlief tief und fest, wie angenommen. Er wirkte erschöpft. Gnirl sprang vorsichtig über ihn und ging auf die Kiste zu, die mit einem Seil auf dem Rücken des Tieres befestigt war. Ihre Öffnung blieb davon unbeeinträchtig.
Wo will er wohl damit hin, hier ist doch weit und breit keine menschliche Siedlung?, dachte Gnirl bei sich. Verstohlen blickte er zurück zum Schlafplatz des Menschen. Als dieser keine Regung zeigte, stieg er äußerst behutsam auf den Rücken des Pferdes und machte sich an dem Deckel der Kiste zu schaffen. Sie ließ sich nicht öffnen. Verzwickt!, geriet er innerlich in Rage, das ist wieder einer dieser komplizierten Mechanismen, die sie anbringen, um uns das Leben schwer zu machen. Ohne lange darüber zu grübeln gab Gnirl ein Zeichen nach oben, das seinem Kumpan bedeutete zu ihm nach unten zu klettern. Gnarl kannte sich weit besser mit solchen Dingen aus als er. Gnarl registrierte das Zeichen von Gnirl, wobei ihn ein gewisses Unbehagen beschlich. Sein Freund galt allgemein als sehr leichtsinnig und es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass er sich und ihn durch seine übertriebene Neugierde in Schwierigkeiten brächte. Andererseits hatte Gnirl meist einen guten Riecher dafür, wann es etwas zu holen gab, das wirklich wertvoll war und ihnen viel Ruhm in der Koboldwelt einbringen konnte. Menschenwaren waren bei den Kobolden sowieso immer heiß begehrt und die Kiste sah wirklich sehr verlockend aus.
Sie war groß, größer, als alle die er zuvor gesehen hatte und sie sah so neu aus. Wahrscheinlich bekam Gnirl nicht ihre Versiegelung auf, damit hatte er immer Schwierigkeiten, obwohl er ihn schon etliche Male in die verschiedensten Funktionsweisen instruiert hatte. Es gab natürlich viele Schließmechanismen, aber kannte man einen, kannte man alle, und selbst Schlösser stellten meist kein größeres Problem dar, wenn man das richtige Werkzeug besaß, um sie zu öffnen. Gnirl besaß keines, es hätte auch nicht viel Sinn gemacht, doch er, Gnarl trug seines immer an einer Kette um den Hals mit sich. Dafür war er nicht so geschickt im Klettern wie Gnirl, aber es langte aus, um den vor ihm befindlichen Abhang zu bezwingen. Er war in seinen Bewegungen wesentlich langsamer als Gnirl und griff, gesteuert von Befangenheit des öfteren ins Leere. Der folgenschwere Patzer unterlief ihm auf halber Strecke, als er mit seiner linken Hand einen Felsvorsprung griff, der sich unerwartet aus der Wand löste und daraufhin laut polternd den Abhang hinunter stürzte, wo er lärmend dicht neben dem schlafenden Menschen einschlug. Gnarl blieb augenblicklich der Atem stehen Er verhielt sich panisch wie ein zitterndes Insekt im Netz der Spinne und drohte den Halt zu verlieren. Als er ihn wiedergewann sah es so aus, als wolle der Fels ihn verschlingen, so dicht zog er sich an ihn heran, wofür er von Gnirl mit bösen Blicken gestraft wurde. Der Mann war nicht aufgeschreckt, aber er begann sich zu wälzen und auch das Tier war zusammengezuckt. Gnirl sah seine Errungenschaft in Gefahr.
Doch sowohl der Mann als auch das Tier schienen einen strapaziösen Tag hinter sich zu haben und schliefen nur kurze Momente später wieder tief und fest, sodass Gnarl, nach einiger Verzögerung, den letzten Rest des Abstiegs wagte, der ohne weitere Zwischenfälle verlief. Geleitet von Schock stürmte er zu Gnirl, der ihn mit mordenden Blicken in Empfang nahm. „Beim heiligen Höhlentroll, du bist der größte Trottel auf Erden, Gnarl“, zischte Gnirl leise in seine Richtung, „hoffentlich machst du dich jetzt wenigstens nützlich bei der Kiste, ich bekomme sie nämlich nicht auf.“ „Von wegen Trottel“, entgegnete Gnarl verhalten, „hättest du nur einmal richtig bei mir zugesehen, müsste ich nicht ständig kommen, um dir zu helfen.“ „Ach ja? Du kannst ruhig auch was für deine Beute tun, nicht immer nur kassieren. Das sieht dir ähnlich.“
Gnarl schüttelte verständnislos den Kopf, widmete sich dann aber ganz der Kiste. „Mal sehen....das sieht einfach aus. Ich denke....“. Ein lautes Schnarchgeräusch ließ ihn aufschrecken und verleitete ihn zu einer unkontrollierten Handbewegung, die Gnirl am Kinn traf. „Autsch....! Jetzt reiß dich mal zusammen, du weckst mit deinem Gezappel noch das Tier auf“, ermahnte Gnirl ihn eindringlich.
„Tut mir leid!“ entschuldigte sich Gnarl, nachdem er sich zweimal prüfend umgeschaut hatte. Der kleine Kobold atmete tief durch, „ich fange jetzt an!“
Dann startete er mit der Untersuchung des Verschlusses, wobei Gnirl ihn mit Blicken fast verschlang. „Geht das nicht ein wenig schneller vonstatten? Ich will endlich wissen was da drin ist.“ Gnarl setzte seine Tätigkeit kurz ab. Ein Schatten gezügelter Gereiztheit huschte über sein Koboldgesicht.
„Jetzt sei doch mal bitte still, du machst mich ganz nervös mit deinem Geplapper.“ „Dann mach doch auch endlich auf.“ Es machte einmal Schnapp. „Hast du etwa...?“ „Oh man, Gnirl! Das hättest du auch selbst gekonnt. Das ist ein ganz simpler Verschluss, für den braucht man nicht einmal Hilfsmittel.“ Gnarl griff den zweiten der zwei kleinen Hebel und zog ihn nach oben, woraufhin sich eine Lasche von einer Art Haken löste und von selbst nach vorne wegschnappte. „Das war schon alles Gnirl! Da staunst du, was? Das hättest du wahrlich auch selbst hinbekommen müssen.“ „Egal, mach die Kiste schon auf, ich will wissen was drin ist, bestimmt ein Goldschatz.“ Gnarl hob etwas genervt den Deckel der Kiste an. Der ersehnte Goldschatz blieb allerdings aus.
Was in aller Welt war das? Die Gesichter der Kobolde wirkten ratlos und siedelten sich irgendwo zwischen Faszination, Neugierde und herber Enttäuschung an. So etwas hatte noch keiner von ihnen zu Gesicht bekommen, was allerdings nichts über den Wert des Inhalts aussagte. Wofür war man Kobold? Natürlich, um es herauszufinden und war es das letzte was man tat. Je kapriziöser und exotischer ein Gegenstand anmutete, desto spannender war es seine Funktion herauszufinden. Und für irgendetwas musste der Inhalt gut sein, sonst hätte der Mensch ihn kaum in diese wertvolle und außergewöhnliche Kiste verstaut, um ihn unter höchsten Strapazen durch die gefährliche Wildnis zu schleifen. Der Inhalt bestand aus vielen kleinen schwarzen Päckchen die ordentlich nebeneinander und aufeinander gestapelt waren und auf denen sich jeweils ein merkwürdiges Metallkästchen mit Gummiknöpfen befand.“ Gnirl nahm neugierig eines davon in die Hand und reichte ein zweites an Gnarl weiter. „Los!“, schnatterte er leise daher, „lass uns gleich mal ausprobieren, was man damit machen kann.“ „Nein, Gnirl“, ermahnte ihn Gnarl erneut zur Vorsicht, „lass uns lieber erst einmal von hier verschwinden, mir ist nicht ganz wohl bei der Sache. Wenn der Mensch nun doch aufwacht, wird er uns in Stücke zerreißen. Er sieht gefährlich aus. Sieh doch, was für muskulöse Arme er hat, der versteht bestimmt keinen Spaß.“ „Und den Rest des Inhalts hier zurücklassen? Kommt gar nicht in Frage. Wenn das Zeug sich nachher als etwas Besonderes herausstellen sollte, dann ärgern wir uns zu Tode. Damit muss man doch irgendetwas anstellen können!?“ „Anstellen? Ja, du sagst es! Das weckt in mir böse Erinnerungen.“ Gnirl, wies Gnarls zynische Andeutung mit ahndender Mimik als widersinnig ab und schüttelte ungehalten an der Packung, woraufhin jedoch nichts geschah. Das Päckchen war massiv, es rasselte nicht einmal. „Was hat es bloß mit diesem aufgeschraubten Kästchen auf sich, das sieht aus als hätte es eine Funktion. Wofür sonst braucht man wohl Knöpfe. Was wohl passiert, wenn ich einen davon drücke.“ „Ich weiß nicht Gnirl, lass das besser bleiben...“.
Doch wieder einmal wurden Gnarls Bedenken von Gnirl klassisch ignoriert, wie immer eigentlich.
Der aufgeweckte Kobold ließ sich nichts sagen, von niemandem. Längst hatte er seine langen dürren Finger auf die Tastatur der Fernbedienung gelegt und mehrere Knöpfe gedrückt, woraufhin das Display plötzlich zu leuchten begann. „Enter Time“, stand dort nun in digitaler Schrift. Doch da weder Gnirl noch Gnarl lesen konnten schenkten sie dem keinerlei Beachtung, sondern waren alleinig von der Tatsache fasziniert, dass die Buchstaben in einem angenehm rot fluoreszierenden Licht erstrahlten. „Ohhh schau mal, so etwas habe ich noch nie gesehen, was wohl passiert wenn ich noch mehr Knöpfe drücke?“, versuchte er die Begeisterung auf seinen misstrauischen Freund zu übertragen, was ihm auch gelang.
Gnirl drückte munter weiter die Knöpfe und Gnarl tat es ihm nun nach, begütigt von der Tatsache, dass ja nichts passierte. Es geschah schon etwas, aber nichts, was eine Gefahr erkennen ließ. Beide Päckchen begannen plötzlich im schrillen Rhythmus zu ticken, wobei sich fortlaufend das Muster ihres leuchtenden Displays änderte. Spätestens jetzt war Gnirl völlig aus dem Häuschen. „Das ist ja....das ist der tollste Schatz, den wir je gefunden haben“, frohlockte er und Gnarl gab ihm ausnahmsweise mit einem stummen, wenn auch verhaltenen Nicken Recht.
„Siehst du, deine ganzen Sorgen waren wieder einmal völlig umsonst. Der da wacht heute nicht mehr auf, genau wie das Tier und der Inhalt der Kiste ist völlig ungefährlich.“ „Gut, ich habe mich geirrt“, gab Gnarl zu, „ dennoch sollten wir hier keine Zeit vertrödeln und uns schleunigst verdünnisieren. Wir können den Inhalt ja irgendwo hier in der Nähe verstecken, um ihn dann später mit den anderen abzuholen.“ Oh, nein, jetzt geht das schon wieder los.“
Die unterschwellige Art dieser Antwort überschritt nun endgültig Gnarls Toleranzlinie. Sein Blick wurde streng wie selten zuvor und gab seiner Erscheinung eine ganz neue Fassade. „Gar nichts geht los. Dieses Mal befolgst du meinen Rat!“ Anders als von ihm erwartet reagierte Gnirl jedoch defensiv und versuchte ihn mit zurückhaltenden Blicken zu beschwichtigen. „Jetzt schau schon nicht so verdrießlich, Gnarl! Das steht dir ganz und gar nicht. Wir machen es ja so wie du gesagt hast. Du bist und bleibst eben der Übervorsichtige.“ „Verdrießlich?“, reagierte Gnarl mit leiser Empörung, „das ist wohl das falsche Wort. Soll ich ehrlich sein? Es wird endlich Zeit mal Tacheles mit dir zu reden. Allmählich bin ich genervt von deinen ständigen Alleingängen. Ständig dreht sich alles um dich, die andern sind dir doch völlig egal. Und übervorsichtig ist wohl kaum der passende Begriff für mein Wesen. Du bist ein Idiot!“ „Ja, ja, schon gut. Aber verschone mich jetzt bitte mit weiteren Moralpredigten, das ist wohl kaum der passende Zeitpunkt dafür. Denk an den Schatz und die Situation.“ „Du und dein Schatz, gibt es für dich auch etwas anderes? Er ist toll, ja. Aber dieses Mal bist du eindeutig zu weit gegangen. Dein grenzenloser Egoismus bringt uns noch ins Grab.“ „Gnarl, wir leben noch und ich denke auch nicht, dass sich daran in nächster Zeit etwas ändern wird.“
In ihrem fortschreitenden Disput bemerkten die Kobolde nicht, dass die einhaltende Dämmerung von rasch aufziehenden Wolken begleitet wurde, die sich zunehmend über ihnen verdichteten und eine bedrohliche Gewitterfront erschufen, die sich jeden Augenblick entladen musste. Es wurde stockfinster wie bei einer Sonnenfinsternis.
Gnarl wollte seine Moralpredigt gerade fortführen, als ein urgewaltiger Blitz, gefolgt von einem grässlichen Donner, die Aufmerksamkeit von ihm einforderte. Vor Schreck ließ er sein musikalisches Päckchen fallen und eilte panisch, ohne weitere Überlegungen anzustellen, zur Felswand, die er noch, bevor irgendjemand anderes die Situation überhaupt begreifen konnte, empor kletterte. Doch die Gewalt der Elemente hatte nicht nur ihn aufgeschreckt, sie hatte auch gleichermaßen Mensch und Tier aus dem Schlaf gerissen.
Gnirl bewahrte im Gegensatz zu Gnarl die Ruhe. Seine Gier nach dem Schatz war unvorstellbar groß. Und so versuchte er sich entgegen jeder Vernunft, so viele der Päckchen wie nur möglich unter die Arme zu klemmen, was er erst einstellte, als er den wutentbrannten Schrei des Menschen hinter sich vernahm, der sich wild gestikulierend von seinem Schlafplatz erhob. Trotz bestehender Furcht floh Gnirl nicht. Er sah auch noch keinen Grund dafür.
Irgendetwas war an diesem Menschen widersprüchlich, dass sagte ihm das Unterbewusstsein, dem er, wie seiner Beobachtungsgabe stets vertraute. Denn obwohl der Mensch aufgebracht wirkte, spiegelte sich eine fürchterliche Angst in seinem Gesicht wider. Und wer außer ihm, Gnirl, kam als Auslöser dafür in Frage? Das Gewitter bestimmt nicht. Von seiner Aura des Schreckens überzeugt, sprang Gnirl vom Rücken des Pferdes und richtete sich hinter dem Gaul scheinbar selbstbewusst zu seiner vollen Größe auf, womit er immer noch um die Hälfte kleiner war als der verdutzt dreinblickende Mensch. Um nachhaltigen Eindruck bei diesem zu hinterlassen, riss Gnirl noch zusätzlich sein mit spitzen Zähnen besticktes Koboldmaul zu einem, wie er selbst dachte, furchteinflößenden Schlund auf und kreischte dabei, wie ein wild gewordener Tasmanischer Teufel. Das Pferd erhob sich daraufhin in Panik, doch der Mensch reagierte nur mit wütendem Blick darauf.
Offensichtlich hatte er sich verkalkuliert. Anstatt zu fliehen kam der Mensch nämlich auf ihn zu und sein Anblick wirkte auf den kleinen Kobold mehr als bedrohlich. Also doch die Flucht. Wie er das hasste! Bis auf das singende Paket ließ er seine gesamte Beute fallen und wollte gerade losrennen, als der hochgewachsene Zweibeiner einen zischenden Laut von sich gab. Nur Millisekunden später erfuhr er schmerzhaft, was es damit auf sich hatte. Das Pferd bäumte sich in wilder Hengstmanier mit strampelnden Vorderhufen auf, nur um im direkten Anschluss tödlichen Schwung mit den Hinterläufen nehmen zu können und auszutreten. Die beschlagenen Hufe trafen Gnirl mit voller Wucht in die Magengegend, woraufhin er meterweit durch die Luft in Richtung Felswand katapultiert wurde. „Neiiiiin, Gnirl!“, erklang fast zeitgleich der heißere Entsetzensschrei seines Freundes Gnarl vom Rand des Canyons aus. Gnirl hatte mehr Glück als Verstand.
Obwohl die Hufe des Pferdes deutliche Abdrücke auf ihm hinterlassen hatten, spürte er keine Knochenbrüche. Zudem hatte die anschließende Landung auf weichem sandigen Boden größere Erschütterungen von seinem Kopfbereich ferngehalten. Seine Orientierung war noch intakt.
„Gnirl, lebst du noch?“, drang die besorgte Stimme seines Freundes zu ihm.
Ja, das tat er. Dennoch spürte Gnirl einen reißenden Schmerz in seiner Magengegend, der ihn weitgehend der Luft beraubte und seine Bewegungsfähigkeit merkbar einschränkte, geringstenfalls für den Augenblick. Der Mensch kam wütend auf ihn zugestürmt. „Gnirl, es tut mir leid was ich eben zu dir gesagt habe. Ich habe es nicht so gemeint. Du bist und bleibst mein Freund auf ewig. Steh endlich auf, sonst bringt er dich um“, warnte ihn Gnarl vor der anrückenden Gefahr.
Fliehen, Päckchen, panischer Freund, es war so viel auf dass er sich konzentrieren musste. Der Schatz! Er konnte ihn nicht zurücklassen. Dieses Zerwürfnis brachte er nicht fertig und das, obwohl er mit Schauder sah, wie der Abstand zu seinem Verfolger Meter um Meter dahin schmolz. Wo war nur dieses verdammte Päckchen? Gnirl suchte verzweifelt den Boden danach ab und scharrte dabei wie ein durchgedrehtes Erdmännchen im Sand. Hier war es nicht! „Gnirl, verdammt, lass doch den dummen Schatz da unten liegen, er ist es nicht Wert dafür zu sterben“, appellierte sein Freund weiterhin an seine Vernunft.
Gnirl war leider anderer Meinung, sofern er überhaupt noch klar denken konnte. Als ob sein Leben an den Schatz gebunden wäre, schaute er sich hektisch in jede erdenkliche Himmelsrichtung um, wobei ihm keine Auffälligkeit entging, außer dem Päckchen. Warum tickte es nicht lauter?. „Mach endlich, er hat dich gleich erreicht“, brüllte Gnarl ihm zu. „Hilf mir bei der Suche oder sei still!“, schrie Gnirl wirsch zurück und war damit der unfreiwillige Neuentdecker der Persiflage. Seine Gier war einfach stärker als alles andere, sogar stärker als sein Überlebenswille und hielt ihn wie ein Magnet im Bann. Daran änderte sich auch nichts, als erneut ein Blitz zu Boden ging und ein geifernder Donner das Himmelszelt zusammenbrüllte. „Danke heiliger Höhlentroll!“, brüllte Gnirl freudig im Echo des Donners. Donner und Blitz hatten ungewollt seinen Blick direkt aufs Ziel gelenkt. Die Ironie war, dass das Päckchen direkt vorm Aufstieg zum Canyon lag. Es war wohl ein Stück weiter geflogen als er. Jetzt wurde es aber auch allerhöchste Zeit. So schnell es ihm möglich war, rannte Gnirl darauf zu, packte es sich irgendwie zwischen die Zähne und kletterte mit letzten Kraftreserven die Steilwand hinauf. Erst auf halber Strecke wagte er es hinter sich zu blicken und stellte dabei zu seinem Erstaunen fest, dass sein Verfolger ihm längst nicht mehr nachstellte, sondern besorgt zurück zu seinem Pferd geeilt war. Gnirl sah auch noch wie der Mensch etwas vom Boden aufhob und es mit entsetzten Blicken anstarrte. Es war das tickende Päckchen von Gnarl. Egal, dachte er sich , meines habe ich wenigstens noch. Der Kämpfergeist siegt. Warum stellt er sich überhaupt so an, er hat so viele davon und wir haben ja auch nichts kaputt gemacht. Dann sah er wieder nach oben, wo sein zermürbter Freund auf ihn wartete und setzte seinen Weg fort. Er war zufrieden mit sich und freute sich schon darauf seine Errungenschaft dem Häuptling zu präsentieren.
Kapitel 64
Die Nervosität in Harold steuerte explosionsartig auf ihren Höhepunkt zu. Wenn seine Vermutung richtig war und die leuchtenden Zahlen auf dem Display, die im gleichbleibenden Rhythmus rückwärts nach unten zählten, die Zeit bis zur Sprengung bedeuteten, dann blieben ihm von nun an noch knapp 300 Sekunden Zeit, um den Zähler zu deaktivieren, den das dumme Tier, oder was immer das auch gewesen sein mochte, in Gang gesetzt hatte. Doch dazu benötigte er als erstes die Beschreibung und musste sich diese, bei immer schlechter werdenden Lichtverhältnissen und heftig einsetzenden Regen, durchlesen. Als nächstes kam die berechtigt vorhandene Nervosität hinzu und dieses andere Problem; Er konnte nur sehr schlecht lesen. Es gab nur zwei Möglichkeiten, er schaffte es oder er schaffte es nicht. „Ruhe bewahren“, sagte er zu sich selbst. Nachdem er die Beschreibung aus der Kiste gewühlt hatte schöpfte er Hoffnung. Doch das Papier wurde sofort vom peitschenden Regen erfasst als er die Beschreibung aus der schützenden Plastikfolie nahm. Die Seiten des kleinen Handbuchs verklebten und drohten völlig aufzuweichen, wenn ihm nichts einfiel sie zu schützen. Er eilte zurück an seinen Schlafplatz, direkt unter den Überstand des Felsens. Hier war es einigermaßen trocken. 250 Sekunden zeigte das Display an. Harold trieb es vor Aufregung den Schweiß auf die Stirn, und wie immer, wenn er sehr nervös wurde, bekam er Schluckauf. „Nicht auch noch das“, fluchte er, „ich hätte dieses Päckchen dieser Kröte einfach überlassen sollen, dann wäre ich das Problem jetzt los. Hoffentlich bringt dieses Geschöpf das andere nicht wieder zurück, wenn es bemerkt, dass es damit gar nichts anfangen kann.“ 235 Sekunden, die Uhr tickte gnadenlos nach unten, während er noch damit beschäftigt war die einzelnen Seiten des Büchleins, die durch das Wasser zusammenklebten, voneinander zu lösen. Als die Anzeige auf 199 rutschte hatte er sie endlich soweit entwirrt, dass er mit dem Lesen beginnen konnte. Sein Problem und größter Alpraum! Harold kannte zwar alle Buchstaben des Alphabets, aber es bereitete ihm erhebliche Schwierigkeiten, sie zu einzelnen Wörtern und Sätzen zusammenzufügen. Als die Anzeige die 130 erreichte, hatte er zumindest das Inhaltsverzeichnis soweit verstanden, dass er wusste auf welcher Seite des Büchleins die Erklärung zur Deaktivierung des Zeitzünders zu finden war. Seite 66. „Oh man“, stöhnte er, „das schaffe ich doch nie.“ Mit zitternden Händen wollte er die Seite aufschlagen, als ein kräftiger Windstoß ihm auch noch die Beschreibung aus der Hand riss. Das kleine Heft wurde von der Böe in den prasselnden Regen getragen, wo es von Wasser und Dreck überspült wurde. Kurz vorm Rande der Verzweiflung stehend, sprang Harold ihm hinterher und bekam es zu fassen. Zum Glück war es nicht völlig durchweicht. Wieder blättern und noch mehr bangen. rannte er mit dem Buch zurück ins Trockene, zurück zur Bombe, die er dort abgelegt hatte und die ihm noch 55 Sekunden überließ, nicht mehr und nicht weniger. „Seite 66, Seite 66“, rief er laut vor sich hin und blätterte wild im hinteren Drittel des Büchleins. Seite 72! Noch dreimal umblättern. So schnell es nur ging zog er die feuchten Blätter auseinander, bis er schließlich Seite 66 aufgeschlagen in der Hand hielt. Das Display gab ihm noch 30 Sekunden und sprang im selben Moment mit Spott auf die 29. Harold hörte schon innerlich den Knall, doch noch gab er sich nicht geschlagen. „Entschärfung des Zeitzünders“, las er die Überschrift laut vor. „Drücken sie zweimal hintereinander die Entertaste und geben sie dann die Zahlenkombination 1837666 ein, dann bestätigen sie noch einmal mit Enter und der Timer sollte deaktiviert sein.“ „Herrgott, diese blöden Beschreibungen, warum nur immer so kompliziert!“ Dem Wahnsinn nahe griff er sich in einer hektischen Bewegung das Sprengstoffpaket, dessen Display auf die 13 sprang. War das ein Omen? „Wie war das noch? Zweimal Enter, dann 1837666“. Das Display piepste plötzlich in einem anderen Ton. „Was denn jetzt noch? Verflucht, die Enter Taste!“ Drei Sekunden verblieben ihm noch, sie wurden zu den längsten seines Lebens. Mit Aufruf der letzten Sekunde erstarb das grauenvolle Ticken. Das Display sprang auf die Null. Nichts passierte. Dennoch hörte man bald darauf eine laute Explosion, die die Erde erzittern ließ.

















